



„Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte.“ Aus heutiger Sicht ist Ernst Moritz Arndt ein Freiheitsdichter eher gewöhnungsbedürftiger Art. Der „Franzosenfresser“ mit antisemitischen Ausfällen hat der Literaturgeschichte seine Würdigung nicht leicht gemacht.
Ein anderes Bild bewahrt der Alte Bonner Friedhof mit Arndts Versen auf seinen früh verstorbenen Sohn Willibald: „Diesen Absteig, den ich thu / In die Erde nieder, / Seht, die Sonne geht zur Ruh, / Kommt doch morgen wieder.“ Dabei lassen die glatten Reime nichts von der Tragödie ahnen. Hilflos musste der Vater musste mit ansehen, wie sein Junge im Rhein ertrank. Noch lange quälten Arndt heftige Selbstvorwürfe.
Nicht nur im Vergleich mit diesem bescheidenen Stein ist das Grabmal für Robert und Clara Schumann ragendes Monument. Viele Spenden ermöglichten seine Aufstellung 1880, damals war Robert schon 26 Jahre tot. Von unten schaut eine robuste Muse versonnen zu seinem Medaillon auf, sie soll die Züge Clara Schumanns tragen. Clara starb vier Jahrzehnte nach Robert und fand hier den Platz an der Seite ihres Gatten, dessen Nähe sie während seiner letzten, elenden Lebensjahre gemieden hatte.
Ob die bekannteste Grabstätte dieses Friedhofs auch seine schönste ist, sei dahingestellt. Zweifellos aber verdienen hier nicht nur die Toten, sondern auch die Denkmale Beachtung. Eine Gemeinschaftsarbeit des Architekten Friedrich Schinkel und des Bildhauers Christian Rauch ehrt Barthold Georg Niebuhr, den Staatsmann und großen Althistoriker an der hiesigen Universität. Ebenfalls beeindruckt ein prächtig getroffener Johann Jacob Noeggerath, Albert Küppers schuf die Skulptur des Geologen.
Dieser bullige Mann war der einzige gebürtige Bonner unter den ersten Professoren der Friedrich-Wilhelms-Universität. Überhaupt verdankt der Alte Friedhof seine Anziehungskraft für die Lebenden nicht zuletzt den ersten Lehrern der 1818 gegründeten Hochschule, allen voran August Wilhelm Schlegel, einem Haupt der Romantik und Shakespeare-Übersetzer.
Auch die Alt-Achtundvierziger sind hier mit wirklichen Charakterköpfen vertreten, für sie mag 1860 verstorbene Friedrich Christoph Dahlmann stehen, dessen Werke Heinrich von Treitschke einmal „Sturmvögel der Revolution“ genannt hat.
Oft stand das Leben der großen Bonner Toten unter keinem guten Stern. Was nicht heißt, dass die weniger namhaften billiger davongekommen wären. Nebeneinander liegen die Gräber der Freiherrn von Benekendorf, eines unnachgiebigen Vaters und eines nachgiebigen Kinds. Der alte Haudegen hielt seinen Sohn so unter Kuratel, dass der sich auch als 55jähriger nicht nach Hause traute, weil er die väterlicherseits angeordnete Sperrstunde überschritten hatte.
In der regnerischen, kalten Novembernacht des Jahres 1835 holte sich der jüngere Benekendorf den Tod. Hinter seinem Sarg schritt der 83jährige Vater in der Uniform eines friederizianischen Offiziers, jeder Zoll ein würdiger Vollstrecker preußischen Kadavergehorsams.