



David Herbert Lawrence (1885-1930) war der Skandalautor seiner Zeit. Sein heute noch bekanntestes Werk ‚Lady Chatterley’ (1928) blieb lange verboten. Dabei hatte Lawrence schon 1912 heftiges Aufsehen erregt, als er seinem Professor und Mentor die Ehefrau abspenstig machte. Mit ihr, Frieda, geborene von Richthofen, reist er zunächst nach Metz, wo Friedas Vater als deutscher Offizier Dienst tut.
An dieser Kehre von Lawrence’ Leben kommt das Bergische Land ins Spiel. Er nimmt eine Auszeit, um die Beziehung zu überdenken. In Waldbröl wohnen entfernte Verwandte. Sie hatten den lungenkranken D. H. schon vor geraumer Zeit zu einem Erholungsurlaub eingeladen, jetzt macht er von dieser Option Gebrauch.
Einem Zwischenaufenthalt des Reisenden verdankt Hennef seinen Auftritt in der Weltliteratur. Noch bevor Lawrence die Bröltalbahn nimmt, entsteht ein Liebes- und Bekenntnisgedicht für Frieda. Übrigens vermerkt er als Ortsangabe ‚Hennef am Rhein’, doch kann der „kleine, zwitschernde Fluss“ dieser Verse wohl nur die Sieg, allenfalls noch die Bröl sein.
Aber das lyrische ‚Bei Hennef’ ist keineswegs der einzige Ertrag seiner zwei Wochen im Bergischen. Am 9. und 10. August 1912 bringt die ‚Westminster Gazette’ eine launige Prosaskizze des Autors, bei der Autobiographisches mehr als nur durchscheint. Sie trägt den Titel ‚Hail in the Rhineland’ (Hagel im Rheinland), und von etwas Verhageltem ist in der Tat die Rede.
Es geht um eine Wanderung von Waldbröl nach Nümbrecht, die der Ich-Erzähler in Begleitung einer Johanna macht, und es bedarf keiner Schlüssellochperspektive, um darin eine Anspielung auf Hannah Krenkow, die Frau seines Gastgebers, zu sehen.
Bis Nümbrecht geht alles gut. Zwar droht das lange angekündigte Gewitter, aber es bricht nicht aus. Für die Rückkehr nach Waldbröl finden sie eine Kutsche. Wenn es um die Anbahnung erotischer Abenteuer geht, erfreut sich dieses Gefährt generell großer Beliebtheit bei Autoren, und das ist bei Lawrence nicht anders. „Mein Herz schlug, und ich legte meine Hand auf ihre. Sie tat so, als merkte sie es nicht, und das ließ mein Herz noch schneller schlagen. Ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre. Plötzlich rasselte es draußen, und ich wurde von etwas getroffen. Johanna schrie auf. Es war ein gewaltiger Hagelschlag – die Luft ein wirbelnder, weißer Sturm – ernorme Eisstücke prasselten jetzt herein.“
Wie ein Bericht der Waldbröler Zeitung vom 17. Mai 1912 zeigt, ist auch dieses Unwetter nicht erfunden. Aber wir wollen wenigstens als dichterische Freiheit nehmen, welche Avancen der Erzähler seiner Johanna macht. Rückblickend hatte der Eisschauer jedenfalls sein Gutes. „Aber ich war noch einmal davon gekommen, und Johanna war noch einmal davon gekommen, und wir beide wissen das und danken dem fürchterlichen Hagelsturm.“
Brieflich versprach Lawrence, nach Waldbröl zurückzukommen. Aber es sollte sich nie mehr ergeben.