



Im deutschesten aller Heldenepen hat die Dhünn eine Schlüsselstellung. Jedenfalls nach Überzeugung etlicher Sagenforscher, die ins Nibelungenlied nicht nur ein reales Geschehen hineinlesen wollen, sondern auch rheinisch-westfälische Schauplätze. Vom dem Neffelgau wären die Niflungen gen Norden aufgebrochen, hätten den Strom bei der Dhünn-Mündung überquert, die Dhünn sei also die „Dune“ der Dichtung, und nicht die Donau. In Soest, und nicht in Ungarn, habe dann das finale Gemetzel stattgefunden, diese natürliche Folge der deutschesten aller Tugenden, eben der Nibelungentreue.
Kein Einwand ist, dass die Dhünn nicht in den Rhein fließt. Zum üblichen Leidensweg der Flüsse gehört ihre Verkürzung, doch ausgerechnet die Dhünn macht da eine Ausnahme. 1840 wurde sie knapp vor ihrer Vereinigung mit dem Strom abgefangen und zur Wupper hin umgeleitet, die hier ihrerseits schon Anstalten macht, im großen Strom aufzugehen.
Selbstredend blieb die Dhünn auf den bescheidenen 40 km zwischen Quelle und Mündung nicht von den üblichen Kanalisierungsattacken verschont. Aber zunächst einmal geht es zu den beiden Ursprüngen, also hinauf ins Bergische Land. Nur beginnt für die Große wie die Kleine Dhünn der Ernst des Flüsselebens schon in den Kinderjahren: Einzeln kommen sie in so genannte Vorsperren, denen das Vereinigungsbauwerk Große Dhünntalsperre folgt, die größte Trinkwassertalsperre im Westen der Republik.
Wenn der Fluss dann als Dhünn aus dem Stauraum entlassen wird, speisen ihn die unteren Schichten des Wasserkörpers. Ihr Nass ist derart kalt, dass sich die Fische hier kaum heimisch fühlen. Dabei sieht es jenseits der großen Mauer eine Weile so aus, als ob keines Menschen Hand je die Idylle gestört hätte. Wer jetzt den Eifgenbach noch mitnimmt und Altenberg dazu, kann sich auf einen Wanderweg freuen, wie ihn ein wohltemperiertes Mittelgebirge kaum schöner zu bieten hat.
Seit der Landesgartenschau 2005 bietet die Dhünn auch ein fast unwirklich schönes Ende: Wo ein Fluss oft am meisten im Weg ist, darf sie nach Flüsseart ausführlicher werden, mäandert durch den Neuland-Park, der sich mit großer grüner Versöhnungsgeste bis an den Strom erstreckt. Der Name „Neuland“ trifft nicht nur die Oberfläche: Unter der Dhünn-Aue liegt eine sanierte Bayer-Deponie. Ihre Altlasten mussten gegen die Umgebung höchst aufwendig abgedichtet werden. Hier entstand ein Landschaftsbild, das weit ins Sinnbildliche hineinreicht.
1998 wurde wieder ein Lachs in der Dhünn gesichtet, 2005 seine natürliche Vermehrung nachgewiesen. Aber die Balzspiele der Fluss-Neunaugen, auch sie eine bedrohte Art, sind ebenfalls ein ganz besonderes Naturerlebnis.
Gleich unter der Dhünnbrücke beim Leverkusener Forum zeigen diese Rundmäuler, wie innig sie sich auf der ganzen Länge ihrer schlangengleichen Leiber zugetan sind.