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Das Doppelgrab von Bonn-Oberkassel

Wo der Hund begraben lag

Mitteleuropa erlebte gerade einen Klimawandel, der zu den markanteren zählte: Die vorläufig letzte Eiszeit wich der aktuellen Warmzeit. Zögernd bewaldete sich das Rheinland, Hirsch und Braunbär, Ren und Luchs durchstreiften eine lichte parkartige Landschaft. Noch bevor stand der Ausbruch des Laacher Sees.

 

Im Februar 1914 war den Bonner Professoren sofort klar, dass der Steinbruch an der Rabenlay keinen alltäglichen Fund preisgegeben hatte. „Mit Ungeduld“, „mit freudiger Überraschung - das sind Formulierungen, wie sie in einen wissenschaftlichen Rapport nur selten Eingang finden. Noch Jahre später ist den beteiligten Forschern ihre Faszination vom Oberkasseler Doppelgrab anzumerken.

 

Ohne Zweifel waren die Funde so spektakulär, dass sich die nie mehr rekonstruierbare Fundsituation halbwegs verschmerzen ließ. Arbeiter hatten unter flachen Basaltblöcken das Grab eines älteren Mannes und einer jungen Frau entdeckt, als sie an den Abbruch eines Felsvorsprungs an der Rabenlay gehen wollten. Vor allem dank der wohl erhaltenen Schädel konnte das Alter dieser Menschenknochen mit etwa 14.000 Jahren bestimmt, also dem Übergang von der Alt- zur Mittelsteinzeit zugeordnet werden.

 

Erst später stellte sich die Einzigartigkeit einer zunächst wenig beachteten Grabbeigabe heraus. Ihr erhaltener Oberkiefer gehörte nicht zu einem Wolf, sondern zu einem Hund. Lange galt er als ältester seiner Spezies und war damit ein Stützpfeiler aller Theorien, wie wir auf den Hund gekommen sind. Fest steht, dass er unser frühestes Haustier und der Graue Wolf sein unmittelbarer Vorfahre gewesen ist.

 

Die Oberkasseler Funde sind heute Prunkstücke des Bonner Rheinischen Landesmuseums. Am ungefähren Standort weist eine Tafel auf das Doppelgrab hin. Darüber ist die aufgerissene Steinbruchwand der Rabenlay auch heute noch ein Blickfang. Und eine Art Denkmal: Vielleicht sähe das ganze Siebengebirge so aus, wäre der Gesteinsabbau nicht zum Stillstand gekommen.

 

Nun scheint es den großen urgeschichtlichen Entdeckungen eigen, dass sie sich höchst robusten Eingriffen ins Landschaftsbild verdanken. Der Neandertaler wurde gefunden, als die spektakulären Felskulissen des Neandertals dem Erdboden gleichgemacht wurden, und das Doppelgrab von Oberkassel eben, als das Siebengebirge von der Bildfläche zu verschwinden drohte.

 

Das ändert nichts am überragenden Wert der Funde selbst. Noch 1986 erklärte sie ein Fachwissenschaftler zu den „bedeutungsvollsten jungpaläolithischen Fossilien der Bundesrepublik Deutschland“. Diese Einschätzung stützte sich auch auf ein knöchernes Artefakt, dessen Griff in einen Tierkopf ausläuft, und ein aus Knochen geschnitztes hirschartiges Tier, das teilweise erhalten blieb.

 

Kaum etwas wissen wir von den Menschen, die hier ihre Kunstfetigkeit erprobt haben. Doch dank des Oberkassler Doppelgrabs gewinnen sie ein wenig mehr Kontur.