



Johann Moritz Schwager (1738-1804) war keiner von den obskuren Frömmlern, wie sie im Bergischen gelegentlich zu Hause sind. Als Pfarrer amtierte er in einem ostwestfälischen Nest namens Jöllenbeck und hielt auch dort das Licht der Aufklärung hoch. Mit Genugtuung konnte er feststellen: „Der Aberglaube an Hexerei und Spukerei ist in der Gemeinde fast ganz verschwunden, und der Teufel hat unter uns viel von seiner Geschäftigkeit verloren.“
Aber nun, schon hoch betagt, macht er sich noch einmal auf einen beschwerlichen Weg. Mülheim, heute ein Stadtteil Kölns, ist der Ausgangspunkt für seine Reise ins Bergische.
Nur angemerkt sei, dass sich Schwager in guter Gesellschaft befindet. Um 1800 wird das Bergische gewissermaßen entdeckt; allerdings nicht wegen seiner Kunstschätze oder Naturschönheiten. Das Motto hatte Justus Gruner ausgegeben: „Wem der Körper schmerzt und die Seele kränkelt, der reise nicht in Deutschlands glanz- und anmutsvolle Bäder, er wandere durch die reichen, frohen Fabrikgegenden im Berg- und Märkischen.“
Nun ist Schwager gegen die Segnungen der „Industrie“ keineswegs unempfindlich. Doch seine Reise ist eine „sentimental journey“ und ihr Ziel liegt im Oberbergischen. Er will noch einmal an die Stätten seiner Jugend, seine Fahrt soll dort enden, wo der Lebensweg begonnen hat: in Gimborn.
Die Fahrt ist nicht ohne Beschwernisse. Der Posthalter von Langenfeld warnt ihn eindringlich vor den „Mordwegen“, die jeder Kutsche die Räder brechen würden. Unwillig befolgt Schwager dessen Rat, sich ein Pferd zu mieten.
Das Alter, das leidige, steckt ihm in den Knochen. Wie sehr die Beweglichkeit das Landschaftserlebnis bestimmt, erfährt der geistliche Herr am eigenen Leibe: „Ich wog viel, fühlte mich steif, und konnte den Mut nicht fassen, den ich ehemals hatte. Berge, die ich mir in der Jugend als sehr leicht zu ersteigen gedacht hatte, fand ich jetzt sehr steil; Abgründe, die ich ehemals für nichts achtete, waren mir nun schrecklich.“
Dennoch darf der unbefangene Leser erwarten, dass wenigstens die Gegend beim Anritt auf Gimborn immer vertrautere Züge gewinnt. Aber dann hat er nicht mit der unbestechlichen Selbstbeobachtung des Autors gerechnet. Eher wird sein Gefühl der Fremdheit stärker, je näher er der Heimat kommt: „Schön war die Natur um mich her, nur nicht die für bekannt gehaltene.“ Zuletzt fragt sich Schwager sogar: „War ich wirklich wieder zu Hause?“
Bleiben die vertrauten Menschen, sie immerhin findet der Heimkehrer wieder – und sich in ihnen. Und auch Schloss Gimborn, damals Mittelpunkt eines dieser reichsdeutschen Winzterritorien, zeigt noch die vertraute Architektur. Es blieb bis heute erhalten, auch seine Umgebung hat nichts von ihrem Reiz verloren.
Schwager ahnte, dass er sein „Vaterländchen“ nicht mehr wieder sehen sollte. Doch rasch gewinnt gegen seine Melancholie der Feuereifer Oberhand, mit dem er sich Gimborn als prächtige Anlage nach Art des Schlosses Benrath ausmalt. Er hat dabei auch im Auge, wie viele Landeskinder ein solches Unternehmen in Lohn und Brot setzen würde. So verbinden sich Nächsten- und Heimatliebe.