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„Sieben Berge schliefen wie Tiere“ -

Guillaume Apollinaire im Rheinland

Am 21. Januar des Vorkriegsjahres 1913 erwartet August Macke Besuch. Sein Malerkollege Robert Delaunay kommt nach Bonn und ist in illustrer Begleitung. Der Mann an Delaunays Seite nennt sich Guillaume Apollinaire (1880-1918). Diesem skandalumwitterten Dichter, einflussreichen Kritiker und Freund Picassos eilt ein großer Ruf voraus: Selbst in Paris, dem Zentrum der Moderne, gilt er als Schrittmacher der Avantgarde.

 

Ein Treffen unter Künstlerfreunden, aber die Gastgeberin Elisabeth Macke hat einen bösen Verdacht: „Apollinaire war lebhaft, temperamentvoll, sprach gut deutsch und kannte seltsamerweise jeden kleinen Ort in unserer näheren Umgebung, so dass ich im Stillen dachte, er wird doch nicht nebenher auch noch Spion sein.“

 

Ihr Argwohn ist unberechtigt. Apollinaire verdankt die erstaunliche Ortskenntnis seinem einjährigen Aufenthalt im Rheinland. Die deutsch-französische Industriellenfamilie Hölterhoff-de Milhau hatte ihn 1901/02 als Hauslehrer engagiert. Er wohnte recht komfortabel in ihren beiden Villen „hinter den Sieben Bergen, die so romantisch und malerisch sind, aber durch schlechte Kneipen entehrt werden.“

 

Bei seinem Dienstantritt war Apollinaire 21 Jahre und hatte kaum etwas veröffentlicht. Doch dieses rheinische Jahr sollte nicht ohne literarische Folgen bleiben. Viele hiesige Lokalitäten fanden Eingang in das Werk des Dichters, und selbstverständlich zollte er auch dem Kölner Karneval seinen Tribut. Dank Apollinaire schaffte es sogar der Bahnhof von Bonn-Beuel bis in die Weltliteratur.

 

Auch die (alte) Brücke nach Bonn ist Schauplatz des Romans ‚Der gemordete Dichter’. Ein göttlicher Wind verwehrt dem Rabbi von Dollendorf das Überschreiten des Bauwerks. Dabei will der Gottesgelehrte doch nur im ‚Hähnchen’ auf der anderen Rheinseite Weihnachten (!) feiern, als Gast der ebenso exklusiven wie antisemitischen Verbindung Borussia, ausdrücklich mit anschließendem kommentgemäßen Besäufnis.

 

Das alles ist natürlich die Erfindung von Apollinaire, einem frühen Meister des Tabubruchs. Nur wie so oft haben seine mutwilligsten Kapriolen auch in dieser Passage einen durchaus ernsten Hintergrund. Zwar hat es nie einen Rabbi von Dollendorf gegeben (wohl eine Synagoge), aber Apollinaire spielt hier auf einen kurzzeitigen Bewohner Beuels an, auf Heinrich Heine. Er trug sich schon während seiner Bonner Studentenzeit mit einem Übertritt zum Protestantismus. Heine wollte darin nur das „Entreebillet zur europäischen Kultur“ sehen, doch hatte er zu seiner Konversion stets ein zwiespältiges Verhältnis.

 

Rotzfreche Ausreißer kennzeichnen auch Apollinaires Lyrik, oft im wohl berechneten Gegensatz zum hymnischen Ton seiner Poeme. Mit insgesamt mehr als hundert einschlägigen Arbeiten darf Guillaume Apollinaire den Ehrentitel rheinischer Dichter beanspruchen. Einer, der immer noch zu entdecken bleibt.