



Wer Türken und Kreuzberg zusammenbringt, muss nicht immer den Berliner Stadtteil meinen. Zwei steinerne Türken stehen auf dem Alkoven der Heiligen Stiege, die 1751 der Kirche auf dem Bonner Kreuzberg vorgebaut wurde. Türken sind die beiden allerdings nur der Tracht nach, denn zweifellos stellen sie Pilatus und einen Kriegsknecht dar. Auch weisen sie keineswegs auf die prächtige Aussicht von hier oben hin, sondern auf den dornengekrönten Christus zwischen ihnen.
Aber die bewegte Fassade ist doch nur die Front eines Treppen-Hauses im wörtlichen Sinn. Und ein ganz besonderes Treppenhaus hat auch die Brühler Augustusburg. So zweifellos es zum Schloss gehört, ist es doch weit mehr als ein bloßer Bauteil. Diesem grandiosen Aufgang vor allem verdanken die Brühler Schlösser ihre Aufnahme ins UNESCO-Weltkulturerbe.
Die zwei Stufenfolgen entstanden etwa zur gleichen Zeit, sie haben mit dem Kölner Kurfürsten Clemens August denselben Bauherrn und mit Johann Balthasar Neumann (27.01.1687-19.08.1753) denselben Baumeister. Beide sind entschieden aufstiegsorientiert (während das Showbusiness seine Treppen meist von oben herab bespielt).
Urbild der Heiligen Stiege ist die Scala Sancta auf dem Lateran. Es ist der Legende nach jene Treppe, die Christus im Haus des Pilatus hinauf ging und die von Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, nach Rom gebracht wurde. Ende des 16. Jahrhunderts kam sie unter Dach, wenige Jahrzehnte später sollte sie besonders im süddeutschen Raum über 60 Nachfolger finden. Gut möglich also, dass der Wittelsbacher Clemens August sie aus seiner engeren Heimat kannte.
Zeitlich gesehen folgen die prachtvollen Treppen des Barock der Scala Sancta. Und trotz aller Unterschiede zwischen Gott- und Landesvater: Ehrfurcht wollen beide wecken. Beim Hinauf in Brühl wie in Bonn wird die Decke wichtig, hier wie dort vertritt sie den geöffneten Himmel. Im hohen Blau feiert das Fresko der Augustusburg den Schloss- als Schirmherrn der Künste, auf dem Kreuzberg zeigt das zentrale Bild einen Allmächtigen im Gewölk. Gott und Kurfürst sind gleichermaßen entrückt, aber für die Treppensteiger doch vielfach gegenwärtig.
Nun wird die Treppe als Bühne im Barock eigentlich erst entdeckt, als Ort der inszenierten Herrschaft kommt ihr überragende Bedeutung zu. Demnach kann aus Sicht des absoluten Fürsten für eine Treppe gar nicht genug Platz verschwendet werden. Aber auch das hat die Heilige Stiege der profanen Inszenierung voraus. Hier ist die Treppe und nur die Treppe das Programm: Sie nimmt den ganzen Raum ein. Überdies darf diese Treppe im Gedenken an die Passion nur kniend erklommen werden. So weit geht kein höfisches Zeremoniell.
Damit kann die Stiege auf dem Bonner Kreuzberg ruhig schlichter gehalten sein. Sie ist das, womit ihr Brühler Pendant höchstens kokettieren darf: eine Himmelsleiter.