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Bergische Irrfahrten –

Heinrich Bölls ‚Brief an meine Söhne oder vier Fahrräder’

‚Brief an meine Söhne’ – bis hierher zeigt die Überschrift ein Schreiben an, das allein für die genannten Empfänger bestimmt ist. Aber der zweite Titelteil ‚oder vier Fahrräder’ lässt doch erkennen, dass Heinrich Böll an ein erweitertes Lesepublikum dachte. Schließlich haben solche mit oder verbundenen Doppelüberschriften eine lange literarische Tradition.

 

Nun ist dieser Test keineswegs in dem Sinn literarisch, dass hier ein Dichter alle Register seines Könnens zieht. Vielmehr wird hier ganz kunstlos (aber desto eindringlicher) von den letzten Kriegsmonaten erzählt, die den Autor und seine Familie ins Bergische Land verschlugen, genauer nach (Much-) Marienfeld und Neßhoven. Wer die Schilderung landschaftlicher Idyllen erwartet, wartet vergeblich. Dafür sind Bölls Erinnerungen so präzise, die Angaben so detailliert, dass sich seine Wege, seine Irrwege im Bergischen heute noch auf jeder besseren Karte nachverfolgen lassen.

 

Standort der in Köln ausgebombten Familie ist der ehemalige Pfarrsaal, besser das Pfarrsälchen von Marienfeld. Neun Familienmitglieder sind hier untergekommen. Es geht beengt zu, aber an diese Enge haben sich die Evakuierten gewöhnt. Probleme macht im Winter 1944/45 die Beschaffung von Brennholz. Da müssen auch die „Seelenhirten“ dran glauben; Pfosten, die bei Prozessionen das Transparent „Heil unserem Seelenhirten“ trugen.

 

Es ist sehr bezeichnend für den Autor Heinrich Böll, dass er die mit Namen nennt, die geholfen haben. „Hier muss des Bauern Johann Peters aus Berzbach bei Much gedacht werden, der uns nicht nur täglich(!) um zwei wertlose Nazikriegsmark zwei Liter (!) Milch gab, der auch, beinamputiert aus dem Ersten Weltkrieg, katholisch, anarchistisch, zwei deutsche Deserteure an seinem Ofen beherbergte, ihnen manche Pfeife Tabak stiftete, die weitaus mehr wert waren als zwei Nazikriegsmark.“

 

Die vier Fahrräder stehen für ein wenig selbst bestimmte Beweglichkeit, sind wohl auch Verweis auf eine Freiheit, die der Befreiung folgen könnte. Aber selbst die Gefangennahme durch die Amerikaner zögert sich hinaus. Als sie dann doch erfolgt, löst sie zwiespältige Gefühle aus, nicht nur Erleichterung, sondern ebenfalls ein Beigeschmack von Niederlage. Auch an ihn zu erinnern gehört zur Chronistenpflicht, wie sie der Autor Heinrich Böll immer verstanden hat.

 

Im Übrigen beschreibt er mit schon provozierender Genauigkeit das, wofür viele seiner Generationsgenossen zeitlebens nur das Wort Drückebergerei hatten. Wie er simulierte, wie er Urlaubs-, Entlassungsscheine und Atteste fälschte, um den Wiederanschluss an irgendeine kämpfende Einheit wenigstens hinauszuzögern.

 

‚Brief an meine Söhne oder vier Fahrräder’ erschien 1985 zu jenem 40. Jahrestag, an dem die deutsche Wehrmacht kapitulierte (08.05.1945). Wenige Wochen später starb sein Verfasser, der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll.