



Am 20. Oktober 1777 schreibt Leopold Mozart einen Brief an Sohn Wolfgang, aus dem väterliche Besorgnis und väterliche Fürsorge gleichlaut sprechen: „Wenn du nach Mannheim kommst, muss die Hauptperson, der du dich gänzlich vertrauen kannst, Sgr. Raaf sein, der ein gottesförchtiger, ehrlicher Mann ist.“
Für die Gottesfurcht von Anton Raaff (1714-1797) spricht die Johann-Nepomuk-Kapelle im heutigen Wachtberger Ortsteil Holzem: Der „berühmteste Tenor des 18. Jahrhunderts“ hat sie 1744 gestiftet.
Bald nach Antons Geburt wurden seine Eltern hier ansässig, der Vater stand wohl als Verwalter auf dem nahen Schlossgut Gudenau in Diensten. Schon im Bonner Jesuitengymnasium findet seine Stimme allergnädigstes Gehör, und 1736 nimmt ihn Kurfürst Clemens August in die Hofkapelle auf. Er wirkt hier an der Seite des Bassisten Ludwig van Beethoven, der die Geburt seines gleichnamigen Enkels um drei Jahre überleben wird.
Der Kurfürst schickt Anton Raaff an den Münchener Hof, dann geht es zur weiteren Vervollkommnung ins Mutterland der Opernmusik, nach Italien. Die Karriere Anton Raaffs verläuft jetzt, wie Karrieren verlaufen müssen, wenn es welche sind: steil. 1742 singt er in Florenz, Venedig und zur Kaiserkrönung Karls VII. in Frankfurt. - Niemand kann bei der prunkhaften Inthronisation wissen, dass diesem älteren Bruder von Clemens August ein so jämmerliches Kaisertum bevorsteht.
Anton Raaff kehrt für einige Jahre nach Bonn zurück, um dann an den bedeutendsten Höfen Europas zu reüssieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn nicht nur als Komponisten geben die Italiener den Ton an. Dass ein Deutscher in ihre Domäne des Belcanto einbricht, gehört beileibe nicht zu den Selbstverständlichkeiten des Betriebs.
Ab 1760 gesellt Raaff seinen tenoralen Glanz zur sprichwörtlich glanzvollen Hofhaltung des Königs von Neapel, neun Jahre bleibt er dort. 1777 kommt er dann nach Mannheim, wo Kurfürst Karl Theodor für seine Oper die besten Kräfte der Zeit zusammengezogen hatte. Allerdings äußert sich Wolfgang Amadeus Mozart über die Raaffsche Gesangskunst sehr despektierlich: „Wer ihn eine Arie anfangen hört und nicht in demselben Moment denkt, dass Raaff der alte, vormals so berühmte Tenor singt, der muss gewiss vom ganzen Herzen lachen.“
Obwohl der Sänger über seinen Zenit hinaus war, schrieb ihm Mozart noch 1779 die Titelpartie seines ‚Idomeneo’ auf den Leib, passte sie also verbliebenen Möglichkeiten des einst Gefeierten an. Wenig später zog sich Raaff von der Bühne zurück und sang nur noch in Kirchen. 83 Jahre alt, ist er 1797 in München gestorben.
Johannes Nepomuk als Schutzpatron der Holzemer Kapelle erinnert auch an die besondere Vorliebe des Kurfürsten Clemens August für diesen Hauptheiligen der Gegenreformation. Die Kapelle selbst erinnert an Anton Raaff. Sie ist ein gewisser Ersatz dafür, dass die Strahlkraft seines Tenors nur noch im fernen Echo zeitgenössischer Lobeshymnen widerklingen kann.