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Finstrer Ort in lieblicher Landschaft -

Das Johannesbrünnchen in Siegburg-Seligenthal

Seligenthal. Der Name ist anders gemeint, aber er trifft das Landschaftsbild. Weit reicht der Laubwald die Talflanken hinab, und doch bleibt Raum genug für das helle Wiesengrün der Aue. Zu ihr gehört selbstverständlich ein Wasserlauf, der sich hier dicht am Hangfuß hält. Vom einstigen Minoritenkloster, beiläufig dem ältesten des Rheinlands, stehen noch einige Gebäude, vor allem aber steht noch seine Kirche aus der spätesten Romanik; eine franziskanisch-schlichte, dennoch festliche Architektur.

 

Wer zum Johannesbrünnchen will, muss, am entlegenen Ort glücklich angelangt, noch einmal suchen. Wenigstens hilft bei so viel Abgeschiedenheit schon ein über 150 Jahre alter Reiseführer weiter: „Überschreitet der Wanderer den Bach auf schwankendem Steg hinter dem Kloster und folgt dem Fußweg der Bergwand entlang, so findet er sich plötzlich an dem sogenannten Johannes-Brünnchen, dem der Volksglaube mancherlei Heilkräfte zuschreibt: Weshalb in früherer Zeit die Wallfahrer zum hiesigen Kloster nie versäumten, gleichzeitig das Johannes-Brünnchen zu besuchen und sich mit seinem Wasser zu versehen.“ Die Wegbeschreibung stimmt heute noch. Auch mit den Wunderborn hat alles seine Richtigkeit, nur dass er derzeit kaum Wasser führt.

 

Niemand konnte es den hiesigen Franzikanern verübeln, wenn sie den Ruf des Brünnchens kräftig förderten. Eine möglichst volkreiche Wallfahrt nach Seligenthal lag in ihrem Interesse. Wunderbare Heilungen taugten allemal dazu, einen versiegenden Pilgerstrom wieder anschwellen zu lassen.

 

Nur warum heißt die Quelle Johannesbrünnchen? Diese Geschichte spielt auf der Nachtseite christlichen Glaubenseifers. Ein Johänneken von Troisdorf sei auf dem Weg zur Seligenthaler Klosterschule gewesen, als Juden ihn geschächtet hätten. Ein so genannter Ritualmord, ein Versatzstück antisemitischer Polemik und zweifellos eines seiner widerwärtigsten. Am Mittelrhein verdanken drei Kapellen ihr Patrozinium einem Knaben namens Werner, der angeblich von Juden gemeuchelt wurde. Obwohl Ruine, zählt die Werner-Kapelle in Bacharach zu den schönsten gotischen Architekturen des Landes. Soviel zur Verflechtung von Kunst und Barbarei.

 

Zurück nach Seligenthal. Dort bleibt auf den ersten Blick rätselhaft, wie das Johannes-Brünnchen zu seinem Namen kam. Der angebliche Tatort liegt ziemlich weitab, und zunächst steht der Brunnen nicht mit diesem Knaben in Verbindung.

 

Allerdings entspringt der Quell neben einem tief eingeschnittenen Siefen, durch den möglicherweise einst ein Weg führte. Schlucht und Verbrechen stehen seit je in einem engen Zusammenhang. Möglicherweise sollte auch nur der Wunderborn aufgewertet werden, indem ihm der Name eines „Märtyrers“ angehängt wurde. Es blieb die Verbindung eines Ritualmord-Gerüchts mit einer Heilquelle, auch dies eine Art Brunnenvergiftung.

 

Vielleicht sollte der Name des Brünnchens einfach in Vergessenheit geraten. - Nur weist seine Abflussrinne geradewegs auf den Wasserlauf im Tal. Und der heißt Wahnbach.