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Nicht mehr verpflastert –

Das jüdische Viertel in Köln

Der Stadtpatronealtar gehört zu den berühmtesten Kunstwerken des Rheinlands. Selbstverständlich steht er im Kölner Dom, wohin sollte er sonst gehören? Aber genau genommen steht die grandiose Schöpfung Stephan Lochners dort am falschen Platz. Sie kam erst 1810 in die Kathedrale, nachdem seine angestammte Andachtsstätte nicht mehr als Gotteshaus diente.

 

Diese Stätte aber war die Kölner Ratskapelle. Sie trug das Patrozinium St. Maria in Jerusalem, möglicherweise ein diskreter Hinweis auf ihre Vorgängerin, die eben keine christliche Kirche, sondern eine Synagoge war.

 

1012 erstmals genannt, bildete sie Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens. Ihre Grundmauern haben die Jahrhunderte ebenso überdauert wie Mauerzüge vom Haus des Synagogendieners, von Hospiz, von Hochzeits- und Tanzhaus. Am besten erhalten blieb das rituelle Bad, die Mikwe. Doch lenkte der einzelne Bau eher von dem großen Glückfall der Überlieferung ab, dass sich hier, gleich neben und unter dem Rathaus, ein jüdisches Kultzentrum vollständig erschließen lässt.

 

Zu diesem Glücksfall kommt ein weiterer. Dank der Schreinskarten, also dank eines früh entwickelten Grundbuchwesens sind in Köln das Entstehen und der Ausbau des jüdischen Viertels außergewöhnlich dicht dokumentiert. Im 13. Jahrhundert war es zu einem geschlossenen Komplex herangewachsen, 83 Häuser umfasste es in seiner Blütezeit. Aus den Verträgen geht hervor, dass sogar Stifte Häuser an Juden veräußert haben. Um 1260 findet sich der erste von insgesamt 100 angestückten Zetteln, die den Kaufkontrakt auch in Hebräisch beglaubigen.

 

Die Judenstadt etablierte sich in einem sehr noblen, dem St.-Laurenz-Kirchspiel. Hier lag das Haus der Richerzeche, sozusagen das Machtzentrum des patrizischen Köln. Zu den interessantesten Quellen gehört denn auch das Geschäft zwischen zwei Finanzmagnaten. Um das Jahr 1130 wechselte ein Haus des erzbischöflichen Kämmerers an den Juden Salman und dessen Frau. Die Eheleute zahlen dafür die stattliche Summe von 36 Mark Silber, nicht weniger als acht Kilo Metallgewicht.

 

Die Urkunden bieten viele Nachrichten über das Zusammenleben von Christen und Juden. Daraus darf nicht geschlossen werden, dieses Zusammenleben habe sich in Köln besonders harmonisch gestaltet. Das blutige Pogrom von 1349 löschte die Gemeinde fast aus, und ein Dreivierteljahrhundert später folgte die endgültige Vertreibung der Juden aus Köln. Mehrere Meter hoch nutzte die Ratskapelle von 1425/26 das aufgehende Synagogen-Mauerwerk, an die Stelle des Thora-Schreins kam der Altar mit dem Dreiflügel-Retabel Stephan Lochners.

 

Als das jüdische Kultzentrum 1956 erstmals archäologisch untersucht wurde, verschwand es gleich wieder unter einer Pflasterung - jetzt wird es wieder sichtbar.