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Der Dom ein Wald, der Wald ein Dom -

Kathedralenromantik

Für die Vollendung des Kölner Doms begeisterten sich auch die Dichter. Denn über das Zusammenwirken von katholischem und protestantischem Deutschland hinaus war die Kathedrale ein Vereinigungsbauwerk: Sie stand für die Gotik als den „unserem Volke ganz eigenen, in ihm geborenen mysteriösen reinen Stil“ (Carl Gustav Carus) – und den Wald als das nationale Biotop schlechthin.

 

 

Ein unverdächtiger Autor gibt dieses Waldmotiv vor. Die Säulen des Doms erinnern den Aufklärer Johann Georg Forster schon 1790 an die „Bäume eines uralten Forstes“. - Warum Forster Forst sagt und nicht Wald, bedarf keiner umständlichen Erklärung.

 

 

Unter dem Horizont der Romantik gewinnt der Waldvergleich etwas geradezu Zwangsläufiges. Allerdings zielt er bei Friedrich Schlegel 1806 noch nicht auf das Kathedraleninnere, sondern auf das Äußere: „So sind die Menge der weitläufigen Träger mit all ihren Knospen, Spitzen und Türmen einem Walde zu vergleichen.“

 

 

Welch vorzügliches Biotop der Wald hierzulande für das patriotisch bewegte Gemütsleben darstellte, zeigt sich in vielen späteren Domgedichten. Max von Schenckendorf reimt bereits 1816: „Es ist ein Wald voll hoher Bäume,/ Die Bäume seh ich fröhlich blühn.“ Einige Verse weiter klingt die völkische Note deutlich an: „Das wollen diese Säulen sagen,/ Die himmelwärts die Blicke ziehn,/ Dazwischen, wie in grauen Tagen/ Im Eichenhain die Beter knien.“

 

 

Schenkendorf imaginiert jene Haine, in denen nach zäher Überlieferung die Germanen ihren Göttern huldigten. Das ist für den christlichen Sakralbau eine heikle Verknüpfung, weist aber kühn auf die Vereinnahmung des Doms als Nationalheiligtum voraus.

 

 

Nun unterstellten schon die Theoretiker der Renaissance der Gotik (in ihren Augen der „Barbarenstil“) eine besondere Naturnähe. Später ging auf den Britischen Inseln die Entwicklung des naturnahen Landschaftsgartens mit dem Triumph der neogotischen Architektur Hand in Hand.

 

 

Doch bleiben wir beim Dom. Selbst vollendet hat er den Waldvergleich noch häufiger auf sich gezogen. Zum Kölner Dombaufest am 15. Oktober 1880 feiert Theodor Fontane die Weihe der Kirche: „Ersehnter Tag! Inmitten lichten Glanzes/ Erhebt sich Pfeilerwald und Schiff und Chor“.

 

 

Umgekehrt wurde der Wald häufiger als Dom besungen, noch heute nennen die Forstleute bestimmte Buchen- auch Hallenwälder. Und gewiss lassen die Säulen des Doms noch am ehesten an den glatten, silbergrauen Stamm der Buchen denken. Das hat auch Elisabeth Langgässer in ihrer Kölnischen Elegie von 1948 so gesehen: „Kaum vollendet war das erste Jahrtausend als über den/ kostbaren zarten Gebeinen der heiligen Magier des Morgenlandes/ Dieser abendländische Dom in Säulen, welche/ Buchenstämmen glichen, emporwuchs“.

 

 

Wir wissen es besser: Im Dom gipfelt nicht der „unserem Volke ganz eigene Stil“, sondern die französische Kathedralgotik, und so gesehen ist er ein Kuckucksei, das uns am Rhein ins Nest gelegt wurde. Seine Säulen aber können wir bestenfalls mit dem naturfernen Altersklassenwald der sturen forstlichen Praktiker vergleichen. Auf den Dom lassen wir trotz allem nichts kommen. 

 

 

Kein Zweifel, wenn die Säulen einer Kathedrale überhaupt einem Stamm vergleichbar sind, dann dem glatten, silbergrauen einer Buche. Dafür bleibt das Gotteshaus immer das Gotteshaus. Wir laufen hier kaum Gefahr, vor lauter Säulen den Dom zu nicht sehen, wie vor lauter Bäumen den Wald.