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Wonnemonat mit Flossentier -

Kehrt der Maifisch zurück?

Als Kölns Agrippastraße noch Löhrgasse hieß, war hier ein ganz eigenes Völkchen ansässig. Seine Armut konnte seinem Mutterwitz nichts anhaben, mit Worten war es ebenso schlagfertig wie mit den Fäusten. Und wenn der Volksmund ein glaubwürdiger Zeuge ist, hatten sie hier sogar eine lukullische Spezialität, den ‘Löhrgasser Salm’.

 

 

Daran stimmt so viel, als der eigentlich gemeinte Flossenträger wie der Lachs oder Salm ein Wanderfisch ist, der zwar in den Flüssen für den Nachwuchs sorgt, aber einen großen Teil seines Lebens im Meer zubringt.

 

 

Im Übrigen war „Salm“ die pure Grielächerei. Wie ja überhaupt eine schlichte Kost gern namentlich aufgewertet wird, siehe der „Kölsche Kaviar“ oder der „Halve Hahn“, wo die sich die Frugalität des Gerichts nur über das Beiwort erschließen lässt. Und der Löhrgasser Salm war kein anderer als der Maifisch, auch schon mal „Arme-Leute-Fisch“ genannt. Bis zu stattlichen 60, sogar 70 Zentimetern lang, zog es diese große Heringsart im Wonnemonat aus dem Meer rheinaufwärts, um in den heimischen Gewässern abzulaichen.

 

 

Und das gleich in hellen Scharen. Passend zum Wonnemonat führten jetzt Tausende dieser Tiere ein wildes Liebesspiel vor, das Wasser sprühte im Mondlicht vom Schlag der Flossen und die Leiber blitzten. 

 

 

Wer sich so wenig diskret fortpflanzt, muss sich über die Aufmerksamkeit von ganz anderer Seite nicht wundern: Der Heringsverwandte war im Mai und Juli das tägliche Brot vieler Rheinfischer. Zwar brachte er nicht so hohe Preise wie der Lachs im Herbst, aber hier machte es die Masse.

 

 

Nun hallte der Ruf ‚Fresche Maifisch’ durch die Gassen der Domstadt. Mit dem Korb auf dem Kopf boten die Fischerfrauen aus den umliegenden Dörfern die eben gefangenen Tiere feil. Brauchtumsforscher versichern außerdem, dass der schmackhafte und preiswerte Fisch in allen Brauhäusern aufgetischt wurde. Kurz, der Maifisch war ein Flossenträger, dessen Volkstümlichkeit ihresgleichen suchte.

 

 

Doch schon Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die Fänge ab. Man berief eine Kommission, sogar eine internationale, es gab die obligaten „Besatzmaßnahmen“ – doch aufhalten ließ sich der Rückgang nicht. Um 1930 war der Maifisch praktisch aus dem Rhein verschwunden. Die intensive Fischerei, die immer stärker verschmutzten Gewässer, die immer gewaltigeren Sperrwerke im Rheindelta, der Ausbau des Stroms zur Wasserautobahn: sie machten auch dem Maifisch den Garaus.

 

 

Nach langen Vorarbeiten gibt es seit 2006 ein EU-Projekt, das diesen einst so häufigen Fisch hier wieder heimisch machen soll. Fünf Millionen Maifischlarven sind bestimmt, einen eigenen Rheinstamm zu begründen. Erbrütet werden sie in Frankreich, wo noch große Bestände die Garonne und Dordogne bevölkern. Von dorther kommen auch jene ausgewachsenen Tiere, die seit neuestem beim traditionellen Poller „Maigeloog“ (Maigelage) serviert werden.

 

 

Am Rhein werden wir froh sein, wenn der Fisch in nennenswerter Zahl wieder auftaucht. Es bleibt eine kühne Vision, dass die Mainächte wie einst von seinem Plätschern widerhallen.