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Zurück zu den Wurzeln –

Der Maulbeerbaum von Brauweiler

Wer ein Bild von einem Baum, einen Bilderbuchbaum erwartet, muss sich an diesen Anblick erst gewöhnen. Der Maulbeerbaum von Brauweiler wirkt eher wie ein Kriechgehölz. Seiner Wuchsform ungeachtet hat er eine große, obwohl ein wenig rätselhafte Vergangenheit. Jedenfalls geht von diesem ihm die Kunde, noch tiefer in der Geschichte zu wurzeln als die romanische Architektur der Kirche St. Nikolaus gleich nebenan .

 

Ein Gemisch aus Sage und Legende bildet den Nährboden seiner Biographie. Als dürrer Zweig in der Hand des Augsburger Bischofs Ulrich ergrünt, ging er als Geschenk des Kirchenmanns an den Pfalzgrafen Ezzo. Der pflanzte das Reis auf seinem Hausgut Brauweiler. Dort hielt es, was es in der Hand des Bischofs versprochen hatte, und wuchs zu einem prächtigen Baum heran.

 

Während Ezzo und seine Frau Mathilde mit dem Gedanken einer Klostergründung umgingen, ruhte die Gemahlin unter diesem Maulbeerbaum. Im Traum wurde ihr Brauweiler als gottgegebener Standort für die Stiftung offenbart.

 

Möglich übrigens, dass hier eine heidnische Tradition hineinspielt. Bei den Griechen war der Maulbeerbaum dem Gott Pan geweiht. Die Stunde seines Schlafs ist der Sommermittag, in dessen durchglühter, unbewegter Luft die Zeit stillzustehen und so auf die Ewigkeit vorauszudeuten scheint.

 

Kraft der Brauweiler Überlieferung ist der hiesige Maulbeerbaum ein tausendjähriger. Zwar belegen erst die schriftlichen Quellen des 17. Jahrhunderts seine Existenz, aber schon damals galt er als uralt. Offenbar starb er oberirdisch mehrere Male ab, erneute sich aber jedes Mal. Ein Motiv, das sich zwanglos in den sinnbildlichen Umkreis der Auferstehung fügt.

 

Das Gehölz im Brauweiler Park ist ein Schwarzer Maulbeerbaum. Schon im Altertum war er rund ums Mittelmeer verbreitet und geschätzt, als Seidenraupenfutter jedoch völlig unbekannt. Dafür eignet sich das zartere Laub des Weißen Maulbeerbaums ohnehin besser, nicht unbedingt aus Sicht der Seidenraupen, wohl aber aus Sicht ihrer Züchter.

 

Die reifen Früchte des Schwarzen Maulbeerbaums ähneln denen der Brombeere, sind kräftig lilarot und von delikatem Geschmack. Keine geringere als Hildegard von Bingen rühmt sie als Arznei bei Leberleiden. Auch das Blut sollen sie reinigen, den Schleim lösen und die Verdauung fördern. Die Rinde des Baums half gegen Zahnschmerzen ebenso wie gegen Würmer. Schon die Landgüterverordnung Karl des Großen empfiehlt seinen Anbau, und in Klostergärten war der Maulbeerbaum ein gern gesehener Gast.

 

Aber der Maulbeerbaum von Brauweiler lässt sich nicht auf seine profane Nützlichkeit vergattern. Seine Aura hat er als ständiger Begleiter des geretteten Ensembles von Kirche und Abtei. Wie die Zerstörung der glanzvollen Architektur stand auch sein Verschwinden mehrmals zu befürchten – der schlangenartige Wuchs verkörpert das Auf und Ab einer bewegten Bau- und Wiederaufbaugeschichte. Und dass dieser Maulbeerbaum am frischen Holz grünt, ist ein Versprechen für die Zukunft.