



Von manchen Gegenden spricht sich nur schleppend herum, wie anmutig ihr Landschaftsbild ist. Selbst wenn (oder gerade weil) sie gleich vor der Haustür liegen wie die mittlere Sieg etwa zwischen der Brölmündung und Rosbach/Schladern. Bis ans linke Flussufer schiebt hier der Westerwald seine Höhen vor, am rechten stehen die Ausläufer des Bergischen Landes des Öfteren mit den Füßen im Wasser. Dabei wechseln bedächtige und steilere Anstiege einander ab, rechts der Sieg gibt es sogar einige veritable Felspartien.
Sie gehören zum Nutscheid. Während sich sein nördlicher Anstieg längs der Bröl oder des Waldbrölbachs fast aus den Talgründen stielt, fällt die Gegenflanke umso plötzlicher ab. Und da selbst die Bächlein zur Sieg hin tief ins Gestein eingeschnitten sind, bietet diese Südseite obendrein das bewegtere Relief.
Ob die oder der Nutscheid, das geht in den Urkunden lange durcheinander, obwohl schon seine erste Erwähnung 1348 den männlichen Artikel trägt. Und viel ist über den Namensteil Nut- gerätselt worden. Sicher lässt sich nur das Grundwort -scheid erklären: Es steht für einen bewaldeten Höhenrücken, wie er auch heute noch dem Augenschein entspricht.
Über seinen Kamm ging nicht nur eine alte Fernstraße. Hier verlief bis 1604 ebenfalls die Territorialgrenze zwischen dem Herzogtum Berg und dem Amt Homburg, das zur Grafschaft Sayn gehörte. Heute hat die Nachfolge eine Verwaltungsgrenze inne, nämlich die zwischen dem Rhein-Sieg- und dem Oberbergischen Kreis.
Im westlichen Nutscheid hat noch die Buche das Sagen. Aber im Ganzen verdeutlicht der Höhenzug einmal mehr, wie eifrig unsereiner an der Waldgeschichte mitgeschrieben hat. Davon zeugen die ehemaligen Niederwälder, in denen Eiche und Birke dominieren. Im östlichen Teil des Nutscheid übernimmt die Kiefer eine tragende Rolle. Sie besetzte die vormals ausgedehnten Wacholderheiden. Auf seine angestammten Wuchsorte zurückzukehren, wurde dem Wald nur in der traurigen Gestalt eines Nadelforsts gestattet.
Die Hangmoore, ein Markenzeichen des Bergischen Lands, zählen (oder zählten doch) zu den interessantesten Lebensräumen des Nutscheid. Die wertvollsten Waldgesellschaften finden sich an den Ufern der Wasserläufe. Diese – vielerorts hoch gefährdeten - Auwälder, hier sind sie geradezu musterhaft ausgeprägt.
Und eine Partie an der Bröl frischt schon im zeitigen Frühling der Bärlauch auf, dessen zartes Grün so gar nicht zu seiner robusten Duftnote passen will. Die neuere Haute cuisine aber hat ihm beinahe hoheitliche Aufgaben übertragen. Am gleichen Flüsschen wächst ebenfalls der Straußfarn, eine ausgesprochene Rarität unter den heimischen Wedelträgern. In den Vereinigten Staaten wird er zurzeit als Wildgemüse entdeckt. Bei uns genießt er strengen Schutz, so dass sich eine Küchenkarriere von selbst verbietet.
Weitere seltene Waldpflanzen haben im Gebiet ein Refugium, dazu gehören etwa der Siebenstern oder das kapriziöse Kleine Wintergrün. Aber nicht mit solchen Einzelheiten imponiert der Nutscheid, sondern mit seiner Waldlandschaft insgesamt. In unseren Mittelgebirgen sucht sie jedenfalls ihresgleichen.