



Ja, Orchideenblüten neigen zur Protzerei. Jedenfalls die aus den Blumenläden. Aber es gibt eben auch Orchideen, die zur heimischen Flora gehören, weniger prächtig, sicher, aber darum nicht weniger schön. Selten schön: Alle hiesigen Orchideenarten stehen unter Naturschutz. Viele sind so rar (geworden), dass ihr einzig sicherer Standort die Rote Liste ist.
Wer vom Rhein-Erft-Kreis als Orchideen-Eldorado spricht, muss das Kopfschütteln seiner Gegenüber hinnehmen. Für womöglich noch mehr ungläubiges Staunen sorgt eine Zahl: 95 % aller Kreis-Knabenkräuter wachsen in der Rekultivierung, also auf ehemaligen Tagebauflächen der Braunkohle. Und damit keineswegs an Orten, denen der Ruf ursprünglicher Natur vorauseilt.
Nun vereint auch diese insgesamt spärlich vertretene Familie seltene und weniger seltene Arten. In der Ex-Braunkohle jedoch wachsen eben auch echte Raritäten wie das Helm-Knabenkraut und die Pyramiden-Hundswurz.
Nehmen wir nur das Helm-Knabenkraut mit dem schönen Artnamen militaris; Helm- und militaris nach den oberen Blütenblättern. Sie sind so zusammen gebogen, dass sie an eine Krieger-Haube erinnern. Dieses Knabenkraut kann zu stattlichen Höhen aufschießen, wirklich imposant ist sein vielköpfiger Blütenstand. Und jede einzelne Blüte spielt mit der Farbe Lila auf Virtuoseste, kann sie hauchzart andeuten oder tief dunkel erglühen lassen.
Im rheinischen Landesteil hat das Helm-Knabenkraut nur ganz wenige Vorkommen, noch seltener findet sich die Pyramiden-Hundswurz. Voll entfaltet, leuchtet ihr pyramidaler Blütenstand dermaßen pink, dass sich schon mancher Betrachter jenseits der natürlichen Farbskala geglaubt hat. Die Pyramiden-Hundswurz hat wirklich etwas Exotisches.
Doch wie kommen solche Kostbarkeiten ausgerechnet in die Nachfolgelandschaften der Braunkohle? Die Frage ist noch nicht völlig geklärt. Ganz sicher spielt die Haut über dem neu geschaffenen Körperbau eine wichtige Rolle. Dieser Rohboden enthält ein gewisses Quantum Kalk, Kalk, auf den viele einheimische Orchideen zwingend angewiesen sind. Andererseits bietet er nur wenig Nährstoffe. So haben die Knabenkräuter gegenüber den Allerweltspflanzen einen Konkurrenzvorteil.
Freilich entsprechen ihre Wuchsplätze oft nicht der reinen Lehre. Fast kurios mutet der Standort eines Helm-Knabenkrauts an, das an einen Bahndamm wächst und gedeiht. Orchideen des Offenlands wachsen hier in Gehölzen, die schon deutlich zum Wald tendieren. Und mancher Pyramiden-Hundswurz, mancher Bienen-Ragwurz lässt sich ihr Lichthunger ansehen.
Überhaupt ist der Anblick manchen Landschaftsdesigns gewöhnungsbedürftig. Doch sehr wohl beherbergen diese Gegenden authentische Natur. Nicht nur Orchideen, sondern etwa auch den Biber und den bunt gefiederten Bienenfresser. Aber das sind schon wieder andere Geschichten.