



Die berühmteste Probe seines Könnens legte der Rhetor Aelius Aristides 155 n. Chr. ab, sie ist als Romrede in die Geschichte eingegangen. Aristides preist hier das unumstrittene Zentrum des gewaltigen Imperiums, wie selbstverständlich auch Sitz des höchsten Herrschers. Kaiser Antoninus Pius hat es „nicht nötig, mühsame Reisen durch das ganze Reich zu unternehmen. […] Er kann es sich leisten zu bleiben, wo er ist, und den ganzen Erdkreis mit schriftlichen Befehlen zu regieren. Sie sind kaum abgefasst, da treffen sie auch schon ein, als seien sie von Flügeln getragen.“
Der Flügelvergleich hat etwas Schmeichelhaftes, aber eben auch etwas Wahres. Die Sesshaftigkeit des Imperators setzt nicht nur voraus, dass alle Wege nach Rom führen, sondern auch, dass diese Wege so zahlreich und so gut in Schuss sind. Das macht den Nachrichten Beine, das erhöht die Reisegeschwindigkeit, das beschleunigt den Warenverkehr. Und natürlich lassen sich die Truppen rasch an einen Krisenherd schaffen.
Kurz, die Straßen waren ein entscheidendes Herrschaftsinstrument. Caesar mochte Gallien bis an Rhein erobert haben, aber die effektive Kontrolle über das Gebiet ermöglichte doch der Augustus-Vertraute Agrippa: Er ließ die Reichsstraße vom gallischen Zentrum Lyon (Lugdunum) über Trier nach Köln anlegen, in der Eifel ging eine Trasse Richtung Bonn und eine andere Richtung Neuss ab.
Eine weitere Reichsstraße, die Via Belgica, verband Köln mit dem Atlantik, sie führte über Jülich, Maastricht und Tongern, um sich im heute französischen Bavay (Bagacum Nerviorum) zu verzweigen, eine Route erreichte in Boulogne-sur-Mer den Ärmelkanal. Das sind wohlgemerkt nur die Fernstraßen, die in staatlicher Regie angelegt wie unterhalten wurden. Darüber hinaus durchzogen zahlreiche Nebenwege das Rheinland, für deren Bau wie Instandhaltung die Anrainer verantwortlich waren.
Auch nach Ende der Römerzeit konnten noch viele Generationen von den Überlandverbindungen der einstigen Besatzer profitieren. Gepflegt wurden diese Straßen allerdings nicht mehr. Doch selbst wo sie ganz außer Gebrauch kamen, wirkten sie als Landmarken lange, oft bis heute nach. Die viae publicae dienten ja nie nur dazu, von A nach B und womöglich nach Rom zu kommen. Vielmehr erschlossen sie das Land, erst sie führten beispielsweise zur Gründung lebensfähiger Siedlungen.
Das Regionale-Projekt „Erlebnisraum Römerstraße“ stellt sich der Herausforderung, solche Zusammenhänge anschaulich zu vergegenwärtigen. Grundlage aber ist der Respekt vor den großartigen Leistungen der antiken Ingenieure. Im Rheinland sollte es bis ins 19. Jahrhundert dauern, ehe Qualität und Dichte der Verkehrswege wieder römerzeitliches Niveau erreicht hatten.