



Mit gleich zwei Schlössern ist Brühl im Weltkulturerbe vertreten, und das verdankt die Stadt nicht zuletzt einem Vogel. Wer jetzt sofort an die Falken denkt, spring ein wenig zu kurz. Eine andere Vogelart hat eine die Greife nur nach sich gezogen. Doch der Reihe nach.
In den stets naturnahen Partien des Schlossparks horstete seit je eine Reiherkolonie. Allerdings boten die Teiche unter den Nistbäumen nicht genügend Nahrung, doch ergiebige Jagdgründe lagen ganz in der Nähe. Vor allem ein Altarm des Rheins bei Wesseling, genannt Entenfang, hielt reichlich Fische bereit.
Genau in die Flugroute der Graureiher ließ Kurfürst Clemens August Schloss Falkenlust setzen. Ab 1729 entstand diese Perle des Rokoko, denn der Kölner Erzbischof war ein großer Nimrod vor dem Herrn. Und die Falkenbeize galt als vornehmste aller Jagden, nur der Adel durfte sie ausüben. Die Graureiher aber waren das ideale „Wild“. Selbst von stattlicher Größe, waren sie nicht leicht zu bezwingen, und deshalb versprach ihr Luftkampf mit den Greifen ein besonders spektakuläres Schauspiel.
Ja, ein Schauspiel war’s, das die adligen Zuschauer auf dem Dachplafond von Falkenlust genossen. Wenn der gefiederte Jäger den Reiher bezwungen hatte, niedergezwungen zur Erde, musste sein Betreuer blitzschnell zur Stelle sein, denn der Falke durfte sich nicht über seine Beute her machen. Hätte er jetzt Blut geleckt, dann hätte sein Instinkt gesiegt, die ganze mühsame und aufwendige Dressur wäre vergeblich, das kostbare Tier wäre für die Beize verloren gewesen.
So kamen, immerhin, die Reiher mit dem Leben davon. Sie wurden beringt, und leicht konnte das einem Brühler Kolonisten das drei oder vier Mal widerfahren. Auch sie wurden gehegt und gepflegt: Ein „Reiger geständs aufsichter oder warter“ musste hungrige Raben von den Nestern seiner Schutzbefohlenen fernhalten und zum Frühjahr reichlich Weidengeäst im Park auslegen. Die Reiher sollten es beim Horstbau bequem haben.
Übrigens jagte Clemens August ebenfalls am Entenfang. Um 1750 ließ er ein Jagdhaus errichten, ein stattliches Gebäude, obwohl sich nicht mit dem formidablen Falkenlust messen konnte. Gelegentlich fand auch hier die Reiherbeize statt, und schon unter seinen Vorgängern hatte die kurfürstliche Tafel ihr Wildgeflügel von hier bezogen. Heute ist das Gelände am Fuß der Mittelterrasse ein viel besuchtes Naherholungsgebiet. Es gehörte zu den größeren Kraftanstrengungen des Naturschutzes, es als Rast- und Brutplatz für Wasservögel zu sichern.
Im Brühler Schlosspark aber haben jüngst wieder Graureiher gebrütet. Keine ganze Kolonie, aber eben doch zwei oder drei Vögel. Die Nester liegen erstaunlich nahe bei den Spazierwegen. Dass die Parkbesucher so viel Einblick in ihre Kinderstuben haben, scheint die Tiere kaum zu stören. Vielleicht ist es die schöne Gelassenheit derer, die auf dem Flug zum Entenfang keine Jagdfalken mehr fürchten müssen.