



Verglichen mit Vincenz war er ein Bruder Leichtfuß. Ohne Examen schlug sich Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (12.04.1803-23.03.1869) als Hauslehrer durch, prekäre Teilnahme am fremden Familienleben inklusive. Und wenn er 1866 nach Grevenbroich zu seinem Bruder Vincenz zieht, hat dieser wirkliche Familienanschluss etwas von Unterkriechen.
Damals publiziert Anton Wilhelm schon seit neun Jahren nicht mehr. Schreibend aber hatte er stets über den engen Kreis hinaus gewirkt, über den seiner Heimat wie seiner Schüler, denn auch seinem erzieherischen Ehrgeiz genügte der Brotberuf nicht.
Seit 1835 ist er Mitarbeiter von Robert Schumanns „Neue(r) Zeitschrift für Musik“. Häufiger nennt er sich hier „(Wilhelm) Anton von Waldbrühl“; der Geburtsort dient als Pseudonym, wenngleich in einer etwas eigenwilligen Schreibweise. Robert Schumann schätzte seine Beiträge sehr, trug ihm sogar die Mitgliedschaft im Davidsbund an, woraufhin Zuccalmaglio auch mit „ein Davidsbündler“ unterzeichnete.
Die Liebe zur Musik, im Elternhaus geweckt, durchzieht dieses Leben, und auch diese Liebe hat manches Eigenwillige. Zuccalmaglios bizarrstes Projekt hält jedem Vergleich mit den Kühnheiten des heutigen Regietheaters stand. Er griff direkt in die Libretti ein, schrieb sie um, er – es lässt sich anders nicht sagen – trimmte sie auf Mittelalter. Motto: „Volkstümliche Sagen, die uns in eine ferne Zeit zurückführen, in denen noch Jugendblut die Völker belebt, sind die angemessensten Stoffe des Singspiels.“
Diese Umdichtungen erblickten allerdings nie das Licht einer Opernbühne. Dabei zielte seine Bearbeitung der Mozartschen ‚Zauberflöte’ mitten ins Herz der Rheinromantik, Königin der Nacht ist hier eine gewisse Lorelei. Über Wilhelms Verse soll des Sängers Höflichkeit schweigen, aber die Chronistenpflicht gebietet, seinen Minnesänger-Roman aus dem Herbst des Mittelalters zu erwähnen. ‚Die Rheinreise. Aus Wiegenmaiers hinterlassenen Briefschaften’ blieb ebenfalls unveröffentlicht.
Ein ganz eigenes Kapitel sind Anton Wilhelm von Zuccalmaglios Volksliedersammlungen. Schon als Student war er diesen „Worten und Weisen“ auf der Spur, den Ertrag aus seiner Hauslehrerzeit beim Fürsten Gortschakoff (1831-1840) veröffentlichte er 1843 unter dem Titel ‚Slawische Balalaika’.
Seine Volkslieder überlebten, und die Tochter des Berichterstatters entschlummerte vor Jahren nur mit ‚Die Blümelein, sie schlafen’. Noch bekannter, ja eines der bekanntesten Volkslieder überhaupt ist ‚Kein schöner Land’.
Doch was heißt hier Volkslied? Nach - heute - allgemeiner Überzeugung hat Anton Wilhelm ‚Kein schöner Land’ gedichtet. Und so lässt sich mit noch mehr Recht behaupten, dass hier kein anderes als das Bergische Land gemeint sein kann.